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Komponieren der Schweiz

Beitrag im Begleitbuch zur Ausstellung "Entre Denges et Denezy..." Dokumente zur Schweizer Musikgeschichte 1900 - 2000. Schott Musik International (2000), ISBN 3-7957-0400-6

Ausgangssituation und Umfeld: Schulbesuch in Biel, einer mittelgrossen Stadt an der Sprachgrenze, was eine gewisse Offenheit zweifellos mit sich gebracht hat. Die Stadt verfügte über ein kleines Konservatorium (mit Berufsausbildung), das Städtebundtheater, einen Abonnementskonzertzyklus mit auswärtigen Orchestern und zahlreiche weitere Konzertangebote: Aufführungen von (Laien-)Chören, oft mit Orchester, Orgelabende, Kammermusikveranstaltungen aller Art. Die Programmierung war fast ausschliesslich ausgerichtet auf Johann Sebastian Bach und auf die Standardwerke des 18. und 19. Jahrhunderts. "Moderne" Musik dagegen war nur selten anzutreffen. Gelegentlich wurden zwar Kompositionen von Willy Burkhard (in Evilard bei Biel geboren) gespielt, manchmal auch Werke von Honegger, Martin, Hindemith, Bartók, Strawinsky. Dagegen blieben der Umkreis der Wiener Schule oder gar neuere Entwicklungen völlig ausgeklammert. Meine Erfahrungen mussten sich also vorerst auf das Studium von Partituren und auf Aufnahmen von nicht allzu häufigen Radiosendungen beschränken.

Einen der ersten wichtigen Impulse habe ich an der Universität Zürich erhalten: Für Kurt von Fischer war die zeitgenössische Musik selbstverständlicher Bestandteil der musikwissenschaftlichen Ausbildung. In seiner begeisterungsfähigen, engagierten und zugleich kritischen Art vermittelte mir Kurt von Fischer entscheidende Erkenntnisse im Zugang zu älterer Musik, doch ebenso in demjenigen zu neueren und neuesten Werken, die er seinen Studenten in grosser Zahl zur Diskussion und Stellungnahme vorgelegt hat. Mit meiner Uebersiedelung nach Basel öffneten sich mir gleich eine Reihe von weiteren Türen: Vor allem bot sich mir die Gelegenheit, zum Beispiel in den Konzerten des Basler Kammerorchesters und der IGNM-Ortsgruppe Basel, zahlreichen neueren Kompositionen endlich auch "persönlich", in Aufführungen im Konzertsaal zu begegnen. Konzertbesuche in Donaueschingen, an der Biennale in Venedig und mehrmalige Teilnahme an den Darmstädter Ferienkursen für Neue Musik brachten mir willkommene Ergänzungen.

Für meine kompositorische Entwicklung entscheidend wurden jedoch die Kompositionskurse, welche ich zunächst bei Pierre Boulez, anschliessend auch bei Karlheinz Stockhausen an der Musik-Akademie Basel besuchen konnte. Beide Komponisten, jeder auf seine eigene Art und Weise, haben meine kompositorischen Versuche allmählich in eine Richtung zu lenken verstanden, in welcher ich mit der Zeit zu einer neueren und etwas eigeneren musikalischen Sprache finden konnte. Natürlich war der Einfluss ihrer Musik auf meine eigenen Versuche zunächst (allzu) dominierend, und es brauchte einige Zeit, bis ich mich von diesen prägenden Vorbildern befreien und einen etwas persönlicheren Weg finden konnte.

In Basel habe ich durch enge Kontakte mit bekannten Komponisten manche für mich wichtige Anregungen erhalten; ich erwähne stellvertretend für viele andere: Robert Suter, Jacques Wildberger, Rudolf Kelterborn, Heinz Holliger, Helmut Lachenmann. Da mich die Sprache seit jeher fasziniert hat, eröffneten mir auch persönliche Begegnungen mit Schriftstellern wie Hellmut Heissenbüttel, Kurt Marti, Franz Mon und Jean Tardieu neue Perspektiven.
Interpretinnen und Interpreten sind es aber erst, welche die Musik zum Erklingen bringen. Zu grösstem Dank fühle ich mich daher den Musikern verpflichtet, welche schon früh meinen Kompositionen, den Stücken eines unbekannten Anfängers, zu Aufführungen und mir in der Folge auch zu Aufträgen verholfen haben.
Als einer der ersten hat der Zürcher Klarinettist Hans Rudolf Stalder (als Solist, gemeinsam mit der Flötistin Ursula Burkhard und mit Mitgliedern seines Quintetts) meinen Kompositionen das Vertrauen geschenkt und sie feinfühlig zu interpretieren gewusst, eine Unterstützung, die mir - damals und heute - meinen Weg als Komponist erst möglich gemacht hat.

In der Folge sind zahlreiche weitere ausgezeichnete Interpreten hinzugekommen, welche die Besonderheiten meiner Kompositionen erkannt und in überzeugender Weise umgesetzt haben. Proben und Aufführungen haben mir bis zum heutigen Tag immer wesentliche Anregungen und Denkanstösse für meine weitere kompositorische Arbeit mitgegeben.
Abgesehen vom bereits Erwähnten sehe ich spezifisch schweizerische Erfahrungen darin, dass mir nicht nur Musikerinnen und Musiker, sondern auch Auftraggeber und Konzertorganisationen unseres Landes immer wieder die Möglichkeit geboten haben und bieten, meine Musik zu schreiben und sie hier zur Aufführung zu bringen. Doch dasselbe erlebe ich zum Glück auch im Ausland, wo meine schweizerische Abstammung keinesfalls je einen Hinderungsgrund für eine Aufführung darstellte.

Ich fühle mich als Schweizer Komponist, ohne dass ich allerdings glaube, das sich die Musik unseres Landes anhand spezifisch schweizerischer Eigenheiten würde charakterisieren lassen. Aus meiner Sicht ist das Komponieren heute viel internationaler, globaler geworden, als dies etwa noch im 19. Jahrhundert der Fall war.


H.U. Lehmann, 26. 9. 1999