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Das Grosse im Kleinen - Der Komponist Hans Ulrich Lehmann an den Tagen für Neue Musik Zürich
von Alfred Zimmerlin (Neue Zürcher Zeitung vom 03.11.1999)


"Im Sonnenlicht", englisch, aber so geschrieben: ".i:ns;unli,gh;t". Der Dichter, der Sprache, Phoneme, Zeichen so kreativ auf Nuancen und Details untersuchte, war der Amerikaner Edward Estlin Cummings (1894- 1962). Mit Nuancen und Details hat der Komponist Hans Ulrich Lehmann (geb. 1937) diese Sprache "vertont", sie subjektiv gelesen, ihr Klänge abgewonnen, ein Neues geschaffen. Acht sehr verschiedene Cummings- Gedichte - avantgardistische und konventionellere - nahm Lehmann zur Grundlage für sein 1998/99 im Auftrag der Stadt Zürich geschaffenes "Book of Songs" für Bariton, Bassflöte (auch Querflöte), Violoncello und ein kleines Schlagzeug (Becken, Gongs, Tamtam). Jeden Laut, jedes Semikolon von ".i:ns;unli,gh;t" kann man hören, so man will. In einem musikalischen Raum ganz eigener Prägung und mit direkter, unvergleichlich atmender Expressivität. Achtmal neu nähert sich Lehman den Cummings-Texten. Ein Wort wie "falling" kann dabei auch mal über eine kleine None hinunterfallen, aber der Komponist lässt dies auf geheimnisvolle Weise so geschehen, dass der Madrigalismus nicht abgenutzt erscheint.
Lehmanns "Book of Songs" wird an den Tagen für Neue Musik Zürich am Freitag abend im Konzert des Genfer Ensembles Contrechamps uraufgeführt. Es sei das erste grössere Werk, das er nach einer mehrjährigen Zwangspause wieder habe komponieren können, sagt Lehmann. Denn er wirkte unter anderem von 1976 bis 1998 als Direktor von Konservatorium und Musikhochschule Zürich, und die letzten Jahre seiner Direktionszeit waren wegen der Umstrukturierung in eine Fachhochschule und der Finanzprobleme besonders aufwendig. In diesem Sinne sieht Lehmann sein "Book of Songs" auch als einen Neuanfang. Seither habe er für seine Verhältnisse enorm viel komponiert - alles auf Cummings-Texte, denn der Dichter, die Arbeit mit Sprache überhaupt, fasziniere ihn enorm. Mit Begeisterung spricht er von seiner Beschäftigung mit den 1994 auf etwa tausend Seiten gedruckten "Complete Poems" des Amerikaners. Die Mehrdeutigkeiten, das Spiel mit dem Verständlichen und Unverständlichen ziehen ihn besonders an.
Mit fünf Werken ist Lehmann an den Tagen für Neue Musik vertreten - ein längst fälliger Schwerpunkt. Das älteste Stück ist die Kammermusik II (1979) für kleines Orchester, welche auf hochdifferenzierte Weise eine verkappte Hommage an Edgard Varèse geworden ist. Es sind vor allem die Einzeldinge, die Lehmann immer wieder auf schier unendliche Weise zu vergrössern versteht. Seine Formulierungen mögen an der Oberfläche einfach, mitunter fast lapidar erscheinen, doch in der kleinen Dimension entsteht eine verlockende Komplexität. Ausgangspunkt war für Lehmann einst die serielle Komponierweise à la Boulez. In Basel hatte er seinerzeit die Kompositionskurse von Boulez besucht - und bis zum Gehtnichtmehr gerechnet. Das sei wie ein Dogma gewesen. Mehr und mehr wandte sich Lehmann davon ab. Vegetativ und assoziativ nennt er heute seine Formen. "Bei jedem Ton versuche ich mir klarzuwerden: Was muss hier und jetzt für mich kommen?" Das hat zur Folge, dass seine Partituren schwer oder kaum analysierbar sind, denn der Komponist delegiert keine Verantwortung an irgendein System. Und dennoch wirkt die Ordnung überzeugend, auf sehr poetische Weise schlüssig. Wie in Dichtung wird die Logik der Syntax ins Wanken gebracht, um eine Vielschichtigkeit der Bedeutungen zu schaffen. Diese Vielschichtigkeit findet sich bei Lehmann im Detail. Für sein Schaffen mag der in den "Nuancen und Details" von Ludwig Hohl formulierte Aphorismus gelten: "Mysterium der Arbeit: Alles nach und nach zu erreichen, was gar nicht berechenbar war."