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Einladung zum genauen Hinhören
von Thomas Meyer (Tagesanzeiger vom 04.11.1999)


Drei Jahre lang notierte er fast keinen Ton. Die Arbeit als Direktor des Konservatoriums und der Musikhochschule Zürich liess ihm keine Musse mehr dazu. Schon zuvor konnte Hans Ulrich Lehmann nur noch zwischendurch komponieren, aber dann kam der Punkt, "an dem man das in den letzten Ferien Skizzierte hervornimmt und nicht mehr weiss, wo weitermachen". Wichtige Aufgaben drängten sich vor. Waren früher schon mit dem Konsi Abstimmungskämpfe und Finanzierungsprojekte durchzuboxen, so galt es nun, den Übergang zur Fachhochschule einzuleiten.
Seit etwas über einem Jahr nun ist Lehmann "frei". Lehraufträge an der Fachhochschule hat er bewusst abgelehnt, um nicht als graue Eminenz durch die Gänge wandeln und sich doch noch einmischen zu müssen. Geblieben sind ihm vor allem die Arbeit in der Urheberrechtsorganisation Suisa - und das Komponieren. Seit vergangenem Jahr entstanden denn auch bereits das "Book of Songs", das nun bei den Tagen für Neue Musik uraufgeführt wird, oder auch ein Stückchen für ein Komponistenquiz in Werner Bärtschis Konzertreihe "Rezital".

Einschaltquote 0,0
Die Klänge kamen mir dort gleich vertraut vor, sodass ich den Autor dahinter ahnte. Tatsächlich hat Hans Ulrich Lehmann einen eigenen "Stil" entwickelt, der ihn über die Jahrzehnte hinweg auszeichnet. Typisch dafür sind gewisse Klangbilder, auch manches Bewegungsmuster, feine, oft zerbrechliche Klangkombinationen im leisen Bereich, vor allem aber eine ungemeine Subtilität im Aushören der Nuancen und eine Zurückhaltung im Ausdruck. Seine Musik sagt gerade so viel, wie nötig ist, aber nie zu viel. "Es ist eine Musik, die zum genauen Zuhören zwingt, zum Hinhören auf Details, auf feine Veränderungen und Differenzierungen des Klangs und der Geräusche, eine Musik schliesslich, die innere Intensität und Ausdruck anstrebt", schrieb Lehmann über "de profundis".

"Zum genauen Hinhören einlädt", wäre bei seinen besten Kompositionen anzufügen, denn dort - in Stücken wie der "Kammermusik II" oder dem Vokalzyklus "Lege mich wie ein Siegel auf das Herz", beide um 1980 entstanden - entwickelt Lehmann eine leise Tonsprache voller Sinnlichkeit. Die Musik bewegt sich ohne jede Betulichkeit am Rande der Stille - wie es nur wenige Komponisten heute verstehen. Weder strebt Lehmann hyperkomplexe Klangkaskaden an noch effekthascherische Bekenntnismusik. Von den strengen seriellen und freien aleatorischen Kompositionsverfahren, die er in der Avantgarde kennen lernte und die er auch verwendete, hat er sich längst verabschiedet; neuere Tendenzen wie Minimal Music oder eine neotonale Postmoderne sind an seiner Musik vorübergegangen.

Von Lehmann, der so häufig öffentliche Aufgaben übernommen hat, gibt es keine offizielle Musik; sie orientiert sich nicht an Strömungen oder Moden, und dabei ist er sich treu geblieben, freilich auch illusionslos über die Wirkungen. Nie hätte er gedacht, dass eine solche Musik gerade den Kunstpreis Zürichs erhalte, sagte er 1993: "Leise, zurückhaltend und mit einer Einschaltquote von 0,0 Prozent".

Scheinbar unwesentlich
Man muss mit dieser "Erfolglosigkeit" nicht kokettieren, man muss deshalb andere Musikstile nicht verleugnen, und doch kehrt man immer wieder gern zu diesen Klängen zurück, die so genau und unprätentiös gesetzt sind. Bezeichnenderweise ist Lehmann für sein neues "Book of Songs" zum amerikanischen Dichter Edward Estlin Cummings (1894-1962) zurückgekehrt, der ihn bereits mehrmals beschäftigte. Cummings ist immer noch weitgehend unbekannt, weil halt auch seine Gedichte unscheinbar daherkommen. Manchmal schrieb er "konventionelle" Gedichte, oft aber gestaltete er - wortspielerisch, lautmalerisch, mit ungewöhnlicher Zeichensetzung und überraschendem Zeilenbruch - knapp formulierte Texte, über Naturszenen etwa. "Schnee" wird zergliedert in "s-Now"; die "Drosseln" werden zu "t,h;r:u;s,h;e:s".
So experimentell sich diese Gedichte geben, so stimmungsvoll sind sie. Gerade das Richtige für einen Komponisten, um fast unbemerkt mit seinen Tönen zwischen die Worte zu schlüpfen. "Es geht um Subtilitäten des Komponierens, um kompositorische Differenzierungen, die sozusagen unter der Oberfläche geschehen, um scheinbar unwichtige Kleinigkeiten, die meist kaum bewusst gehört werden und vergleichsweise unwesentlich erscheinen mögen. Für mich handelt es sich dabei jedoch um Bestandteile, die wesentlich mit zur Dichte und Komplexität eines Werks beitragen."

Die Genugtuung
Mit Worten zu beschreiben ist das kaum. Ich erinnere mich an Lehmanns Genugtuung, als es uns, seinen Studenten an der Universität Zürich, nicht gelang, sein Stück "tantris" nach irgendeinem System oder einem Stil zu analysieren. Seiner Musik ist das Buchhalterische fremd; sie öffnet sich erst im Hören.